Industrial Meeting

… Als Ort muss hier vor allem das Zwischenfall in Bochum genannt werden. Natürlich ist dies zuerst und vormalig ein Hort der Dunkelheit und eine Heimstätte der in NRW besonders starken Gruftszene. Und dennoch, zwischen den wüsten Spukgerüchten und Anfeindungen aus der Lokalpolitik konnte dort auch ein Nährboden für tatsächliche Experimente und Wagnisse entstehen. Wie zum Beispiel die legendären Industrial Meetings, ins Leben gerufen vom Essener Carsten Vollmer aka „Cat Killer“, die sich an den Vorbildern der niederländischen „Tape-Meetings“ orientierten. Die Industrial Meetings waren eine Plattform für Enthusiasten, eine Tausch- und Kontaktbörse, ein Schaufenster auch für haarsträubendste Soundwagnisse.

Was passierte hier alles?! Da wurden als Performance Lautsprecher zersägt oder Glas zertrümmert; die glorreichen MAEROR TRI absolvierten eine magische Rhythmusperformance mit endlosen Trommelpassagen auf alten Tankfässern. Der Hamburger Klangkünstler ASMUS TIETCHENS spielte eines seiner äußerst seltenen Kassettenkonzerte und lies ein verwirrtes Publikum zurück, dass im dunklen Zwischenfall auf eine leere Bühne starrte. Und dann gab es da noch die Prolet-Kracher von SCHWARZWURZ, die mit Kostümen und ironischen Einlagen am Ort des Geschehens die EBM- und Goth-Szene durch den Kakao zogen. All das passierte an einem Abend und generell war die Atmosphäre eine „Anything goes“. Auf diesen Treffen, die entstanden, „Weil es nichts gab, wo man hätte hingehen können, deshalb musste man selbst was organisieren!“ (Carsten Vollmer), zeigten sich dann auch die versprengten Aktiven der verschiedenen Geräuschwelten. „Hithlathahabuth“ aus Recklinghausen zum Beispiel, eine Gruppe und Label, die mystisch-entrückte Sounds in toll verpackten Kassetten veröffentlichten. Oder der schon sehr früh international ausgerichtete Andeas Vogel mit seinem Projekt MØHR und dem grandiosen Label ZNS, welches den Schulterschluss zwischen EBM und Industrial hinbekam. Außerdem waren die Tore weit nach Ostwestfalen und gen Europa geöffnet; „Fich-Art“-Leute um ARS MORIENDI waren ebenso präsent wie belgische und niederländische Labels, wie z.B. „3rioart“ oder „Staalplaat“. Erstmalig tauchte auf dem Industrial Meeting auch ein gewisser Georg Odijk mit seiner Plattenkiste auf; heute Betreiber des als Netzwerk und Verteilerstelle eminent wichtigen Plattenladens und -vertriebs „a-musik“.

Die Industrial Meetings waren Treffpunkt und ein Marktplatz für Betreiber von Kleinstlabels und anderen Enthusiasten. Es kam zu spontanen Gründungen von neuen Musikprojekten und in der Präsentationsform waren die Übergänge zur Kunst sicher fließend. Trotzig traten einzelne Akteure häufig in den verschiedensten Projektkonstellationen bei fast jedem Industrial Meeting auf (zum Beispiel „Cat Killer“ mit seiner Formation BÄR&Co oder diversen anderen Projekten wie DMADT) …

Till Kniola: Förderturm Muzak
Die „Post-Industrial-Condition“ des Ruhrgebiets (Seite 60-61)

ECHT! Pop-Protokolle aus dem Ruhrgebiet
Salon Alter Hammer – 2008
ISBN 978-3-940349-05-7