Am Anfang war der Noise. (Und weil nur dieses aus dem Englischen stammende Wort alle Bedeutungsdimensionen von – bisweilen sehr lautem – Geräusch bzw. Lärm über hörbares und messbares Rauschen bis hin zu Noise als akustischer Kunstform abdeckt, wird es in diesem Text konsequent verwendet, als Synonym für alle diese Begriffe.) Auch wenn der Urknall nicht wirklich hörbar war (weil es noch kein Medium gab, das den Schall hätte transportieren und niemanden, der ihn hätte hören können), ist es kein Zufall, dass wir Menschen, die wir unsere Ohren nicht verschließen können, ihn mit einem akustischen Begriff bezeichnen. Denn wir alle sind von unseren frühesten Anfängen her in Noise eingetaucht. Schon als Föten, wenn wir noch reine Natur sind, bevor wir zur Welt kommen und durch Spracherwerb in eine Kultur verwickelt werden, hören wir Noise, nämlich das Rauschen des Blutkreislaufs in den Körpern unserer Mütter. Und wenn wir zur Welt kommen, schreien wir. Unsere Existenz beginnt mit Noise, genau wie die Existenz von allem mit Noise begann: Das Hintergrundrauschen des Universums, das vom Urknall herrührt, ist heute noch nachweisbar. Im umfassendsten Sinn gilt also: Noise ist Natur, und Natur ist Noise. Carsten Vollmer stellt sich dieser Tatsache, indem er seine künstlerische Noise-Praxis in direkten Kontakt mit der Natur bringt. Diese Arbeit dokumentiert seine Noise-Performances in natürlicher Umgebung. Damit unterläuft er das kulturelle Klischee, das Noise und Natur als Gegensätze sehen will.
Dieses Klischee beruht auf dem verbreiteten Missverständnis, Noise sei ein Effekt moderner Technologie, die im Gegensatz zum Klang der Natur stehe. Diese allzu simple Vorstellung eines ‚Noise vs Nature‘ ist dem Futurismus und der Bewegung der akustischen Ökologie gemeinsam; sie unterscheiden sich nur in ihren Werturteilen. Die Futuristen und ihre reaktionären Epigonen feierten den Noise gerade, weil er sich gegen die Natur richtet. Diese sahen sie als schwach, überholt, zu Recht der Dominanz männlicher Technologien unterworfen und nur noch dazu da, durch eine industrielle Zivilisation ersetzt zu werden. Auf der anderen Seite neigt die akustische Ökologie dazu, Noise ausschließlich in negativen Begriffen zu denken. In dieser Perspektive ist es der Noise von Motoren und elektronischen Medien, der die gesunde ‚Hi-Fi-Soundscape‘ vormoderner Zeiten in die degenerierte ‚Lo-Fi-Soundscape‘ der heutigen Zivilisation verwandelt.
Dieses beschränkte Denken basiert noch auf sozialen und technologischen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts: Die steigenden Lautstärkepegel der wachsenden Städte schärften das allgemeine Bewusstsein für Noise, wenn auch zunächst nur als ‚unerwünschten Lärm‘. Aber diese moralistischen Vorstellungen verkennen den eigentlichen Durchbruch, der wenig später mit der Erfindung von Schallaufzeichnung und Radio stattfand. Die elektroakustische Signalverarbeitung führte das 20. Jahrhundert zu der Entdeckung, dass jedes mögliche Signal von (thermischem) Noise umgeben ist, der schon vor jedem Signal existiert. Nur bei einem ausreichend hohen Abstand zwischen Signal und Noise kann ein Signal aus dem Noise auftauchen und überhaupt als Signal erkennbar werden. Zwar stimmt es, dass die zweckorientierte Sichtweise der Übertragungs- und Aufnahmetechnologie das Werturteil über ‚unerwünschten‘ Noise und ‚gutes‘ Signal fortschreibt. Aber der Gegensatz ‚Noise vs Nature‘ fällt dabei in sich zusammen: Wenn überhaupt, dann steht Noise jetzt auf der Seite der ‚rohen‘ Natur im Gegensatz zum ‚kultivierten‘ Signal.
Wenn man das Verhältnis von Signal und Noise ausformuliert, zeigt sich am Ende, dass Signal und Noise zwei Seiten derselben Medaille sind und dass der Gegensatz zwischen ihnen niemals stabil fixiert werden kann. Das mathematische Formelwerk, das für die Signalverarbeitung entwickelt wurde, machte es möglich, das Konzept Noise auch auf andere kulturelle Bereiche anzuwenden, zum Beispiel die Analyse von Zeichenpraktiken. Aber es führte auch zur Entdeckung von immer mehr Noise-Phänomenen in der Natur, jenseits des hörbaren (fast) weißen Rauschens von Ozeanen und Wasserfällen: Nervenmembranen, die Aktivität von Sonnenflecken und die Gezeiten des Nils haben beispielsweise alle jenes Charakteristikum gemeinsam, das mathematisch als 1/f-Noise beschrieben werden kann – wenn auch auf verschiedenen Frequenzniveaus und mit einem zeitlichen Bezugsrahmen, der in einigen Fällen Jahrzehnte umfassen kann.
Die Mathematik, die es ermöglicht hat, diese Phänomene zu entdecken, wurde erfunden, weil sie für die technische Signalverarbeitung erforderlich war. Man könnte also sagen, dass es eine Feedback-Schleife gibt zwischen Technologien zur Unterdrückung von Noise und der Entdeckung, dass Noise universell ist. Carsten Vollmers Praxis verkörpert diese Feedback-Schleife, und zwar im buchstäblichen Sinne. Denn um die Rückkopplungsfrequenzen für seinen Noise zu erzeugen, stellt er nicht einfach Mikrofone vor einen Lautsprecher, die er dann von Weitem (oder, in quasi gottgleicher Arroganz, ‚von oben‘) per Mischpult kontrolliert. Vielmehr trägt er die Mikrofone am eigenen Körper und taucht diesen komplett in die elektromagnetischen Wellen und Schallwellen ein, aus denen das Feedback entsteht. Mikrofonpositionen werden von Hand verändert, der restliche Körper verdeckt Teile des Lautsprechers: Der Noise wird mittels körperlicher Arbeit modelliert. Dass im Titel aller Veröffentlichungen von Carsten Vollmer das Wort ‚Arbeit‘ vorkommt, unterstreicht genau diesen Aspekt. Statt die distanzierte, ‚verkopfte‘ Haltung des elektroakustischen Komponisten an seinem Mischpult oder des Laptop-Performers an seinem Controller einzunehmen, stellt Carsten Vollmers Performance den lebendigen Körper in den Vordergrund. Und zwar so intensiv, dass Verletzungen im Zuge seiner Performances nicht ausgeschlossen sind. Aber die Verletzlichkeit (und damit in letzter Konsequenz auch Sterblichkeit) wird dabei nicht zur Schau gestellt, sondern nüchtern akzeptiert als das, was uns in letzter Instanz an die Natur bindet: Alle Tiere sterben. Wirbeltiere bluten. Und deshalb tun Menschen beides. Roboter hingegen nicht.
Ein zentraler Aspekt von Noise als Kunstform ist eben das Eintauchen – mittels eines Sounds, der eine sehr große Bandbreite an Frequenzen gleichzeitig abdeckt, und das in einer Lautstärke, die keine anderen akustischen Wahrnehmungen mehr durchlässt, ob es nun Sprache ist oder irgendein anderes Signal kulturellen oder natürlichen Ursprungs. Diese Situation, die auch Carsten Vollmer für sich und sein Publikum konstruiert (beim Anhören dieser Arbeit sollte sie durch die Verwendung von Kopfhörern unterstützt werden), ist die paradoxe Umkehrung der Situation, in der wir uns von dem Moment an befinden, in dem unsere Sinnesorgane die Arbeit aufnehmen. Solange wir leben, sind wir im Wachzustand in Reize eingetaucht, die auf unsere Sinne treffen, und all diese Reize sind zunächst nichts als Noise, bis unsere Nerven und Gehirne sie filtern und weiterverarbeiten zu Wahrnehmungsdaten und letztlich bewusstem Denken. Dass man auf diesem Album nur Noise hört, sozusagen die rohe Vorform unserer Wahrnehmung, bürstet also die übliche Funktionsweise unseres Nervensystems gegen den Strich, um sie uns bewusst zu machen. Die Coverfotos, die Carsten Vollmer alle selbst beim Eintauchen in natürliche Umgebungen gemacht hat, sind sozusagen das Gegenstück dazu. Sie stehen – auf visueller Ebene – für bewusste Wahrnehmung, denn ein Bild, das man wahrnimmt, wird ja erst durch eine Reihe bewusster Entscheidungen zum Foto. Die Videos, in denen Carsten Vollmer in natürlicher Umgebung über die Beziehung von Noise und Natur nachdenkt, zeigen außerdem, dass die Feedback-Schleife zwischen Mensch und Natur nicht nur eine körperliche, sondern auch eine geistige Dimension hat.
Teil einer Feedback-Schleife sein, so wie Carsten Vollmer in seinen Performances – das symbolisiert unseren unauflöslichen Kontakt mit der Natur besser als beispielsweise das Konzept des Dialogs. Bei einem Dialog stellt man sich zwei Sprechende vor, die einander gegenüber sitzen oder stehen. Aber wir können uns nie zum Gegenüber der Natur machen. Die Natur ist kein Subjekt, sie ist nicht einmal ein Wesen oder Gebilde – sie ist ein abstrakter Begriff, den wir uns nie als Ganzes sinnlich vergegenwärtigen können. Die Natur, also das Universum, ist zu groß, zu vielfältig, zu viel für unsere Sinne. Auch Carsten Vollmers Noise ist ‚zu viel‘ – zu viele Frequenzen auf einmal, zu viel Lautstärke –, und dadurch steht er zu unseren Sinnen im selben Verhältnis wie die Natur. Noise ist das Reale der Natur, das wir sonst gar nicht sinnlich erfahren, sondern auf das wir nur symbolisch anspielen könnten. „Es geht um den Augenblick, wo ich eins mit dem Noise bin“, sagt Vollmer. „Dann bin ich auch eins mit der Natur.“
Beim Spielen mit Feedbacks in geschlossenen Räumen erkundet Carsten Vollmer die jeweiligen Aufführungsorte. Die Resonanzeigenschaften des Raums spielen eine zentrale Rolle beim Formen des Klangs, und nur die Geschlossenheit des Raums ermöglicht die hohe Lautstärke, in die man, wie gerade beschrieben, förmlich eintauchen kann. Bei Performances in der freien Natur ist es wieder anders: „Die Natur ist der größte Raum, den es gibt“, sagt Vollmer, „und wenn ich den Noise in der Natur spiele, dann merkst du auch gleich, wie klein das alles ist. Der Noise geht raus in die Unendlichkeit. Noise breitet sich aus.“ Was sich in einem geschlossenen Raum überwältigend laut anfühlen mag, mischt sich also mit dem größeren Ganzen der akustischen Umwelt, verliert sich in der Ferne – und stellt damit die These ‚Noise vs Nature‘ auf den Kopf. Gäbe es wirklich eine Konfrontation zwischen Noise (als kulturelle Praxis) und Natur, dann würde die Natur gewinnen. Die Fotos der ‚Noise vs Nature‘-Graffiti, die zu dieser Arbeit gehören, unterstreichen das: Menschen können versuchen, sich in die Natur einzuschreiben, so viel sie wollen: visuell (mit Taschenmessern), akustisch (mit Verstärkern), und sogar mit jenen global dimensionierten Verfahren, die uns das Anthropozän beschert haben, wie Bergbau, Verfeuern fossiler Brennstoffe und Müllablagerung. Am Ende wird die Natur als Ganzes sie trotzdem überdauern, so wie der Baum den Menschen überdauert, der das Graffiti in seine Rinde geritzt hat.
Das bedeutet aber selbstverständlich nicht, dass Noise-Performances im Freien keine Spuren in der natürlichen Klanglandschaft hinterlassen. „Es ist auch Kommunikation mit der Natur, Kollaboration mit der Natur“, erklärt Vollmer und fügt lächelnd hinzu: „Komischerweise ist danach auch erst mal Stille. So als wenn sich eine Tür öffnet. Und dann geht besonders im Sommer ein Vogelgeschrei los, das kannst du dir gar nicht vorstellen.“ Die Natur kann nicht still bleiben, weil – wie wir gesehen haben – Noise schon immer ihre grundlegendste Eigenschaft war. Wenn Carsten Vollmer Noise macht, befolgt er die Maxime von John Cage, derzufolge experimentelle Musik die Natur nicht ihren Ergebnissen, sondern in ihrer Operationsweise imitieren solle. Denn die Natur operiert als Noise, und Carsten Vollmers Noise folgt einzig und allein den physikalischen Naturgesetzen. Man sollte ihn laut aufdrehen und danach die Fenster und Türen öffnen: Innen trifft außen. Noise trifft Natur.
Gerald Fiebig